Unterricht im Day Care Center Salugara – Eine Zusammenfassung
Im April 2008 hatte ich mein Studium in Deutschland beendet, und bevor ich in den vermutlich strengen Rhythmus des Arbeitslebens eintreten sollte, plante ich noch eine zweimonatige Indienreise. Im Laufe derer reiste ich zweieinhalb Wochen reiste bzw. machte einen Trek. Es war geplant, meine restliche Zeit in Indien in der kleinen Bergstadt, für seine Orchideen berühmten Kalimpong zu verbringen. Gerade jetzt in der heißen Monsunzeit ist Kalimpong klimatisch sehr angenehm, liegt es doch auf rund 2100 m Höhe. Morgens wollte ich in der kleinen Schule im nahegelegenen Bombasty Englisch unterrichten, nachmittags den Waisenkindern im Heim bei der Erledigung ihrer Hausaufgaben helfen, mit ihnen basteln, kochen, spielen und sprechen.
Leider jedoch kam es zu einem politisch motivierten Generalstreik in den Bergen, im Laufe dessen alle Touristen der Bergregion verwiesen wurden, so dass ich es in Absprache mit Swapan für klüger hielt, für mich eine andere Einsatzmöglichkeit in Siliguri zu finden.
Hierfür bot sich das „day care centre“ in Salugara, einem Dorf nahe der Millionenstadt Siliguri, in der ich lebte, an. Dort wird täglich Kindern, die meist aus armen Familien stammen und deren Eltern keine Zeit oder Möglichkeit haben, ihre Sprösslinge zu unterstützen, bei der Hausaufgabenerledigung geholfen. Außerdem wird die Nachmittagsgestaltung übernommen. Zwischen 20 und 30 Kinder kamen jeden Tag in die kleine Kirche, die uns als Unterrichtsraum diente; sie waren zwischen fünf und 16 Jahre alt.
In der Zeit, in der ich in Salugara tätig war, hatten fast alle Kinder Ferien, so dass ich viel Raum für Programm hatte. Als einzelne „Unterrichtsbausteine“ wählte ich zum ersten Grundlagen in englischer Sprache, zweitens Gesundheitsthemen wie „personal hygiene“, Durchfall, sauberes Wasser und gesunde Ernährung, drittens „moral lessons“, d.h. das Vorlesen von Geschichten, über die wir anschließend sprachen, sowie viertens Basteln, Malen und Spielen.
Obwohl Englisch ja neben Hindi und 14 weiteren Sprachen offizielle Sprache ist und die meisten Kinder von klein auf Englischunterricht haben, sind die Kenntnisse in dieser Fremdsprache im Durchschnitt als eher „poor“ zu bezeichnen.
Da in Indien durchschnittlich 80 Prozent der Krankheiten auf unsauberes Wasser zurückzuführen sind, hielt ich dieses Thema für besonders wichtig. In Zusammenhang damit ging es bei zwei Unterrichtsstunden auch um Diarrhoea, eine sehr häufige Krankheit, die immer noch viel zu oft falsch behandelt wird und daher gerade bei kleineren Kindern zum Tod führt. Auch Wissen über gesunde Ernährung oder Zahnpflege habe ich mit den Kindern erarbeitet, und die praktische Anwendung machte nicht nur allen Beteiligten viel Spaß, sondern trug auch dazu bei, ein dauerhaftes Bewusstsein bei den Kindern zu schaffen.
Die „moral lessons“ sollten der Diskussion über Werte dienen, das Basteln und Malen der Förderung von Geduld, Konzentration und Ausdauer, aber auch von sozialer Kompetenz. Überhaupt legte ich bei meinem Unterricht sehr viel Wert auf gegenseitige Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Fairness – Dinge, die gerade in unserer heterogenen Gruppe für den Erfolg der Stunden vital waren. Dies gestaltete sich jedoch nicht immer als leicht, da die Kinder Partizipation, gemeinsames Erarbeiten der Lehrinhalte und Teamarbeit meist nicht gelernt haben – das indische Schulsystem basiert auf anderen Prinzipien. Gerade aber diese Fähigkeiten hielt ich für wichtig, so dass ich daran festhielt.
An einem Samstag machen wir mit 25 Kindern einen gemeinsamen Ausflug in die Science City, ein sehr lehrreiches Ausflugsziel, wo wissenschaftliche Inhalte über unsere Erde kindgerecht dargestellt und aufbereitet werden. Die Sternen- und Zaubershow begeisterte sogar die Kleinsten!
Eine große Barriere war immer die Sprache. In Salugara sprechen die meisten Menschen Nepali, in Siliguri Bengali. Für meinen Unterricht wäre es sehr von Nutzen gewesen, wenn ich mehr in Nepali hätte sagen können als einige Vokabeln wie „genug“, „stopp“, „sehr gut“, „1,2,3“ etc. Auf der anderen Seite war mein Ziel ja die Förderung von Sprech- und Schreibkompetenz im Englischen, so dass es gut war, dass die Kinder mit mir Englisch sprechen mussten.
Das „day care centre“ wird von einem jungen Mann namens John geleitet, der mir nicht nur in Übersetzungsfragen, sondern in allen Bereichen des Unterrichts eine unglaublich große Hilfe war. Mit seiner Unterstützung waren die Stunden gut durchführbar, und ich konnte sichergehen, dass die Kinder die wichtigen Details der Gesundheitsthemen verstanden. Zum Schluss singt John immer mit den Kindern, er begleitet sie auf der Gitarre, sie singen und tanzen. Dieser fröhliche Ausklang hat mir immer sehr gut gefallen, und einige Lieder kann ich nun auch, selbst wenn ich bei den nepalesischen Songs nach wie vor nicht so genau weiß, was genau ich da eigentlich singe.
Schön war auch die herzliche Aufnahme von den Kindern sowie der heimischen Bevölkerung. Die Kinder brachten mir von Anfang an ihr Vertrauen entgegen. Nicht selten wurden wir durch die offenen Kirchentüren von Kindern, aber auch Erwachsenen beobachtet, was ich jedoch nie als unangenehm empfand, da die Menschen nur neugierig waren auf mich als „weiße Frau“ und auf das, was ich in der Kirche in ihrem kleinen Dorf mit ihren Kindern machte.
Obwohl die Kinder teils einen Altersunterschied von 11 Jahren hatten, machten sie doch beim Programm (fast) ausnahmslos gut mit. Für die ganz Kleinen bereitete ich themengemäß etwas vor, was sie mit Buntstiften ausmalen konnten.
Das Wetter im Juni und Juli ist hier von Hitze und starken Regenschauern geprägt, schließlich herrscht in dieser Jahreszeit der Monsun. Natürlich ist das anstrengend, und durchgeschwitzt ist man schneller als man duschen kann. Dennoch ist die Hitze erträglich, und man freut sich auf den nächsten Regenschauer, auch wenn die Gefahr, nicht nur völlig durchnässt, sondern auch ebenso dreckig zu sein, immer sehr gross ist, sobald man das Haus verlässt.